Im Folgenden möchte ich kurz meine neue Edition vorstellen, die den Titel Der Tag X - Geschichten vom Luftlochschläger trägt und die im Abonnement zu beziehen ist. Das Abonnement umfasst elf Geschichten, die ich im Jahr 2010 schreiben werde. Es ist das zweite Abonnement, das ich anbiete, nachdem ich im letzten Jahr unter dem Titel Das Ende naht vom Anfang her zwölf Texte verfasst habe, deren Konstruktion auf einem Homonym, einem Wort mit zwei Bedeutungen, im Volksmund Teekesselchen genannt, beruhen. Beim Tag X handelt es sich um einen Roman in 11 Kapiteln, der um die Figur des ‚Luftlochschlägers' kreist und an meinen 1990 erschienenen Roman Der Luftlochschläger anknüpft. Der Tag X wird der zweite Band einer Trilogie sein, die mich schon seit bald zwei Jahrzehnten beschäftigt, für die ich aber nie die richtige Form gefunden hatte, bis ich durch das Abonnement-Projekt darauf kam, den zweiten Band in elf Geschichten zu unterteilen. Für den dritten Band der Trilogie liegt ebenfalls eine Fülle von Textmaterial vor, er wird voraussichtlich Die Mission heißen.
Die weiteren Details zum Abonnement der Edition finden sich im Bestellformular in der PDF-Datei, die auch den Inhalt dieser Seite im druckerfreundlichen Format enthält.
Zur Einstimmung im Anschluss das erste Kapitel des Buches, eine Art Vorwort.
Der Tag X
Ich hatte schon einige Tage in jener Wüstenstadt verbracht, deren Datteln, weithin berühmt, als die besten auf der Welt gelten, deren unzählige gewölbte Dächer ihr den Beinamen "Stadt der tausend Kuppeln" einbrachten, in deren Heimatmuseum ein paar Sandrosen Staub fangen und ein ausgestopftes Kamel mit löchrigem Fell den Besucher mit einem Glasauge hochnäsig anstarrt, als eine Mischung aus Lustlosigkeit, Stumpfsinn, Melancholie und Einsamkeit von mir Besitz ergriff. Selbst die blitzenden Augen einer der wenigen durch die Gassen huschenden, verschleierten Frauen warfen keinen Schimmer in die von grauem Nordlicht erfüllte Mansarde meines Gemüts. Dabei fehlte es mir an nichts, ich war am Ziel meiner Wünsche, ich war in der Wüste, und sie war genauso, wie ich sie mir vorgestellt hatte: Hohe Sanddünen, deren Kämme in sanftem Schwung ineinander fließen, ein in gelblichen Farben wogendes Meer, über dem sich ein makelloses Blau wölbt. Zudem wohnte ich im besten Haus am Platz, dem Hotel d'Alger (ehemals Hotel de Paris), einem weitläufigen alten, im Kolonialstil erbauten Kasten. Ein Hauch von Verfall wehte durch seine Gänge, auf denen man öfters Bedienstete traf, die mit einem Handfeger den verschlissenen Velours abkehrten und sich augenblicklich, wenn sie Schritte vernahmen, aus ihrer gebückten Haltung erhoben und mit verlegenem Lächeln zur Seite wichen, kurz, ich konnte es mir gut gehen lassen. Und doch lebte ich nur zur Zeit des Sonnenuntergangs auf, wenn ich jeden Abend die Stufen der engen Wendeltreppe in einem ausgedienten Minarett hochstieg, um den Rundblick über die Stadt und die sie umlagernden Dünen zu genießen. Das Abendlicht, das sich in rötlichen, später ins Bläuliche wechselnden Tönen über die Dünen ergoss, stimmte mich versöhnlich, aber diese Stimmung hielt nicht einmal solange vor, wie ich brauchte, um die Stufen wieder herabzusteigen. Unten angekommen, von lärmenden Kindern umringt, die einen Bakschisch verlangten und eine angedrohte Backpfeife ernteten (man stelle sich vor, selbst ein lachendes Kindergesicht konnte mein Gemüt nicht aufheitern!) zog wieder dumpfe Trostlosigkeit in mich ein. Dann suchte ich gewöhnlich ein Cafe auf und hoffte, von fremdartigen Geräuschen, Blicken, Gesten umlagert, dass ein Tourist, auch wenn er mit Bermudashorts bekleidet und krebsrot im Gesicht wäre, sich an meinen Tisch setzte. Was das Ganze noch verschlimmerte: Ich war tief enttäuscht von mir, hatte ich mich doch als Reisenden gesehen, dem das Unterwegssein eine zweite Natur ist und der mit dem Grundsatz: Mein Heim ist dort, wo ich meinen Kopf hin lege, durch die Welt kommt. Nun musste ich einsehen, dass es wohl etwas voreilig gewesen war zu glauben, die Welt stünde mir offen, nur weil ich eine kleine Erbschaft angetreten hatte, die es mir ermöglichte, meine Reiseziele über die Grenzen Europas hinaus festzulegen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als an Diarrhöe oder Malaria zu erkranken, um mit zwielichtigem Bewusstsein und Muskelsträngen dünn wie Bleistiften einfach nur da zuliegen. Selbstverständlich fand mein Wunsch kein Gehör, und da das naheliegendste Betäubungsmittel, der Alkohol, nicht verfügbar war, es gab nur Thé á la menthe oder Limonade, selten Haschisch, joggte ich in der größten Mittagshitze durch die unmittelbar an die Häuser grenzende Wüste, um meinen Körper derart zu erschöpfen, dass die Müdigkeit kurzfristig über die Depression triumphierte.
Spätestens jetzt wird sich der Leser fragen, warum ich eigentlich so ausführlich von meiner Misere, die mir wahrlich nicht zur Ehre gereicht, berichte? Um deutlich zu machen, dass der Boden nicht besser hätte bereitet sein können für die Ankunft desjenigen, von dem dieses Buch handelt. Ich traf ihn zufällig in einem Kramladen auf dem Bazar. Er unterhielt sich mit einem Händler, oder besser gesagt, er versuchte sich mit Händen und Füßen verständlich zu machen, was ihm jedoch nicht gelang. An seinem Akzent merkte ich, dass er ein Landsmann war. Ich erbot mich, ihm behilflich zu sein. Er wollte wissen, wo die höchste Düne sei, eine zugegeben etwas merkwürdige Frage, und als ich sie mit meinen wenigen arabischen Vokabeln für den Ladeninhaber übersetzte, schaute er mich erstaunt an und sagte dann nur: „Touggourt, Touggurt“, was wie das Kollern eines Truthahns klang. Der Fremde nickte mir freundlich zu. Dann wandte er sich zum Gehen. "So warten Sie doch", sagte ich, wir seien doch Landsleute, ob er nicht ein Glas mit mir trinken wolle. Er sei müde, entgegnete er, er hätte eine anstrengende Reise hinter sich und wolle zeitig zu Bett gehen. Doch ich ließ nicht locker, sagte, ich hätte seit einer Woche mit keinem menschlichen Wesen mehr ein Wort gewechselt, meine Seele fühle sich ganz grau an, doch bis es mich in diese Wüstenstadt verschlagen hätte, sei meine Reise gut verlaufen, ich sei auf den Spuren Camus gewandert, hätte sein Stammlokal im Hafen von Algier unter den Kolonnaden und die antiken Stätten von Tipasa am Meer besucht, aber hier in dieser Oase sei dann plötzlich der Faden gerissen, ich sei gestrandet und mit einmal von allen guten Geistern verlassen gewesen. Nicht unbeeindruckt von meinen wortreichen Erklärungen, war der Fremde schließlich bereit meiner Einladung in ein kleines Restaurant zu folgen. Auf dem Weg dorthin redete ich weiterhin ununterbrochen, als befürchtete ich, die kleinste Unterbrechung könnte ihn dazu veranlassen es sich noch einmal anders zu überlegen,
Wir nahmen auf den üblichen orangefarbenen abgewetzten Plastikstühlen, mit denen alle Restaurants in allen algerischen Städte, sei es Algier, Tizi Ouzou, Tipasa, Tamanrasset oder Sidi Bel Abbes, ausgerüstet sind, Platz. Auf der Speisekarte fanden sich einige wenige Couscous-Gerichte, die sich bei genauem Hinschauen jedoch nur durch das Fehlen bzw. den Zusatz von Kichererbsen unterschieden. Der Fremde schwieg und überließ mir die Konversation. Er war der Fels, ich die Brandung. Er war umgeben von einer Aura des Alleinseins, doch, im Gegensatz zu mir, schien er gut mit sich auszukommen. Vielleicht war er schon seit Jahren unterwegs und hatte auf seinen Wanderungen durch die Welt gelernt, alles zu nehmen wie es kommt, denn nur der Sesshafte versteift sich gegen den Lauf der Dinge. Ich machte mir Gedanken über seine Profession, seinen Familienstand, ich suchte nach einem Ehering an seinen Fingern, doch nichts deutete darauf hin, dass er in „normalen“ Lebensumständen steckte, was mich auch gewundert hätte, konnte man ihn sich weder als Wohnungsinhaber, Familienvater noch als jemanden, der einer geregelten Arbeit nachgeht, vorstellen, nur eben, wie gesagt, als Reisenden. Er schien das Ideal, an dem ich kläglich gescheitert war, zu verkörpern.
Als es dunkel zu werden begann, winkte ich dem Ober, er möge ein Licht bringen. "In diesen Breitengraden schrumpft die blaue Stunde auf wenige Minuten", brach ich das Schweigen. „Dafür gibt es den blauen Himmel im Übermaß", entgegnete er missbilligend und fuhr fort: „Kann man das Wetter nennen, wenn von morgens bis abends die Sonne scheint und keine Wolke am Himmel ist? Wie abwechslungsreich sind dagegen unsere Breitengrade, es ziehen Stürme auf, es gewittert, Schäfchenwolken, Kumulus, Zirrus, das Kratschen des Herbstlaubes auf dem Boden, Eiszapfen, die wollüstigen Knospen der Kastanien im Frühjahr, einen heißen Tee im Winter – welch ein Generator ist doch das Wetter für unser Innenleben!"
Ich war überrascht, dass er, der so unabhängig wirkte in seiner Lebensführung, soviel Aufhebens um das Wetter machte. Im übrigen stimmte ich ihm zu. Dann schwiegen wir wieder eine Weile und betrachteten den Sternhimmel, der in seiner ungeheuren Tiefe fast den Boden berührte. Bereits die vom Mondlicht in kalkiges Weiß getünchte Kuppel der nahegelegenen Moschee schien ihm zugehörig. Allmählich begann sich meine innere Verkrampfung zu lösen und ich gewann eine wunderliche Distanz zu den Dingen.
„Wie still ist es in der Wüste?“ fragte der Fremde unvermittelt. „Stiller als still, wenn das Adjektiv steigerungsfähig wäre“, antwortete ich. „So still, dass einem der lautlose Schritt des Todes in den Ohren dröhnt?“ „Wenn Sie so wollen. Aber ich würde eher sagen, so still wie die Stille da oben zwischen den Sternen.“ Er blickte wieder hinauf in den Nachthimmel. "Kürzlich hat man festgestellt, dass sich das Universum immer schneller ausdehnt, statt langsamer, wie es die Urknall-Theorie nahe legt. Aber wie dem auch sei, ob das Universum eines Tages verlöscht oder vollkommen auseinander gerissen wird, jedwede Existenz trägt von Anfang an den Keim des Todes in sich." „Trübe Aussichten“, sagte ich nicht ganz ernsthaft. „Nein, keineswegs“, korrigierte er mich, „man muss sich nur mit dem Tod an-freunden." Erstaunt sah ich ihn an. „Und wo und wie fängt man das an?“ "Überall. Wo man geht und steht. Jeder auf seine Weise. Ich trage das Lachen in die Wüste, das ist meine momentane Mission." Ich glaubte an einen Scherz, aber er schien es ganz ernst, ohne jede Spur von Ironie, zu meinen. Als ich ihn um eine Erklärung bat, wurde er fast schroff: "Das Unerklärliche lässt sich nicht erklären. Diese verdammte Erklärungssucht, daran geht noch mal die Welt zugrunde! Es ist doch offensichtlich, dass sie am Sinn, nicht am Unsinn leidet." "Ich wollte Sie nicht kränken," sagte ich betroffen. "Schon gut", sagte er und holte ein Buch, dessen Rücken in hellbraunes Leder gebunden war, aus seiner Tasche hervor und drückte es mir in die Hand mit den Worten: "Ich brauche es nicht mehr. Vielleicht wird es ihrer Wissbegierde abhelfen." Noch bevor ich etwas erwidern konnte, erhob er sich – einen Mo-ment lang verdeckte sein Kopf die auf der Kuppel der Moschee liegende horizontale Mond-sichel – und verschwand in der Dunkelheit. Ratlos saß ich eine Weile da und starrte auf das Buch im Schein des Windlichts. Es hatte einen festen, dunkelbraun kaschierten Deckel, dessen vier Ecken eingeprägte stilisierte Girlanden und dessen Rückseite ein ebenfalls ein-geprägter Stern zierten. Dann öffnete ich es. Die erste Seite war von Worten bedeckt, die in kalligrafischer Manier mit Tusche gezeichnet waren. Vom täglichen Wetter, der täglichen Anordnung der Gefäße, sowie den täglichen Antworten der Luftlöcher auf die Frage aller Fragen, war dort zu lesen, und diesem Titel war mit dünnerem Pinselstrich ein ebenso aufwendiger Untertitel beigefügt: Als ich mit einer Frage durch die Welt kam, ein Auskommen hatte und es mir an Nichts mangelte. Ich schloss das Buch wieder, ich wollte mir sein Studium für den kommenden Tag aufsparen, und lehnte mich zurück. Alle Last war von mir abgefallen und tatsächlich fand ich, als ich ins Hotel zurückkehrte, wieder Geschmack an meinem goldenen Käfig und genoss wie zu Beginn meines Aufenthaltes den Luxus eines Zimmers von der Größe einer Dreizimmerwohnung, einer in den Boden eingelassenen Marmorbadewanne, mehrerer Ventilatoren, die, stufenlos verstellbar, über meinem Bett kreisten, und eines allein im Speisesaal unter Kristallüstern genossenen vielgängigen Menus.
Am nächsten Morgen begann ich während des Frühstücks, das ich im Hotelgarten am Rand des Swimmingpools einnahm, in dem Buch des Fremden zu blättern und mir wurde bald deutlich, warum er eine Lanze für das Wetter in den gemäßigten Zonen gebrochen hatte. Über Jahre hatte er, ohne jemals einen Tag auszulassen, täglich das jeweilige Wetter notiert. Des weiteren hatte er jeden Tag ein sogenanntes ‚Zwiegespräch mit den Luftlöchern', geführt, das er mit der immer gleichen Frage: „Wie kommt es, dass von Nichts nichts kommt?“, eröffnete, woraufhin die Luftlöcher jeden Tag mit einer anderen Antwort aufwarteten. Einmal, zum Beispiel, lautete sie: "Der Mensch denkt, Gott lenkt, denkt der Mensch", ein anderes Mal: „Russisches Roulette am Morgen, und der Tag ist dein Freund.“
Ich betrachtete die spiegelglatte Wasseroberfläche des Schwimmbeckens, in dem der Himmel zu baden schien, nur hin und wieder gekräuselt von einer Libelle, die rhythmisch den grünengelben Stab ihres Leibes in das Wasser tunkte, und überlegte, ob ich ein paar Züge schwimmen, oder das Frühstück fortsetzen und noch etwas von dem frischen Feigenmus, den Datteln, der Aprikosenkonfitüre oder dem köstlichen Yoghurt kommen lassen sollte. Entscheidungen von solcher Tragweite hatte der Fremde wohl nicht zu fällen, der jetzt unter sengender Sonne in die Wüste hinausmarschierte, seine inneren Organe betastend, ob das Lachen der Leber, der Milz, der Galle, den Nieren, der Lunge, dem Magen oder dem Herzen innewohnte.
Ein Bediensteter des Hotels schleppte einen Gartenschlauch herbei und begann, die Mimosenbäume zu bewässern, ein anderer fischte mit einem an einer langen Stange befestigten Netz die Wasseroberfläche des Pools nach Insekten ab. ‚Zwiegespräche mit Luftlöchern', was sollte man sich darunter vorstellen? Der Fremde schien weniger ein Reisender, als ein Philosoph zu sein, der vielleicht an der Erkenntnis der Sinnlosigkeit allen Seins irre geworden war. Wie konnte jemand mit gesundem Menschenverstand das Lachen in die Wüste tragen und dieses noch als ‚Mission' bezeichnen? Ich ließ das gestrige Gespräch noch einmal Revue passieren, konnte aber kein Gramm Verrücktheit an ihm entdecken. Aber woher nahm er die Kraft, ernsthaft das, was andere höchstens als Gedankenspiel, als Metapher ansahen, in die Tat umzusetzen? Nein, er war nicht verrückt, höchstens verschroben, er war ein Narr, ein Missionarr! Mir fiel Morgenstern ein, ein befreundeter Schriftsteller. Irgendwie ähnelten sich die beiden. Auch er hatte eine eigentümliche Sicht auf die Welt. Angewidert von den Eitelkeiten des Literaturbetriebs, hatte er sich nach seinem ersten veröffentlichten Buch zurückgezogen und schrieb seitdem nur noch für sich selbst. Er lebte in einer Eigentumswohnung, die er von seinem Vater geerbt hatte, hatte einen Brotberuf, der ihm ein geringes Einkommen sicherte und ihn nicht sonderlich beanspruchte – er verwaltete Röntgenbilder in einem Krankenhaus – und war im übrigen sehr anspruchslos. Ich beschloss, ihm, sobald ich wieder in Deutschland war, das Tagebuch des Missionarrs zu zeigen, ob er sich einen Reim darauf machen könnte.
Ich blieb noch eine Woche in der Stadt der Tausend Kuppeln. Abends bestieg ich weiterhin das Minarett, doch weniger, um den Sonnenuntergang zu genießen, als Ausschau zu halten nach dem Missionarr, den ich täglich von seiner Mission zurückerwartete. Tagsüber studierte ich sein Tagebuch im Hotelgarten, wo ich mir einen Tisch neben einer Bougainvillea unter einem Mimosenbaum einrichten ließ, dessen gelbe Blütenperlen fast meinen Scheitel berührten, und manches Mal war eine Seite von einem Hauch gelben Blütenstaubs überzogen, der, beim Umblättern über das Papier gleitend, in der Falz einen gelben Strich hinterließ. Es war mir ein Vergnügen – mein nach Erklärungen verlangender Forschergeist hatte sich wohl ins Stammhirn zurückgezogen – die Zwiegespräche mit den Luftlöchern, die in unerschöpflicher Vielfalt um die Leere kreisten, zu verfolgen und ich machte es mir zur Gewohnheit, abends mit dem auf dem Sekretär bereit liegenden Füllfederhalter auf hauseigenem, in einer schweinsledernen Mappe verstauten Briefpapier Notizen zu machen. Insgeheim hoffte ich den Missionarr nach erfolgreicher Mission wiederzusehen, doch nach einer Woche gab ich es auf, nach ihm Ausschau zu halten, flog nach Deutschland zurück und zeigte Morgenstern das Tagebuch. Der schüttelte, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte, ungläubig den Kopf. „Was für ein Zufall!, ich kenne diesen Mann.“ „Was??!“ rief ich überrascht aus. „Nicht persönlich, aber ich kenne jemand, der ihn kennt. Er hat mir oft von ihm erzählt. Kein Zweifel, er ist es, es ist der Luftlochschläger. Wenn ich mich recht erinnere, war er vor Jahren mit einer Japanerin liiert, ist aber dann unter merkwürdigen Umständen auf dem Flughafen verschwunden. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Aber wie kommst du an dieses Buch?“ Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und fragte zum Schluss, ob er sich vorstellen könnte etwas über den Missionarr zu schreiben, ihn sozusagen für mich zum Leben zu erwecken. Morgenstern schob die Unterlippe vor und die Augenbrauen in die Höhe, sagte aber nichts. „Ich mache dir einen Vorschlag: Ich zahle dir über ein Jahr ein monatliches Salär von tausend Euro, und du lieferst mir dafür ein Buch ab. Lass es dir durch den Kopf gehen.“ Nach der schmerzlichen Erkenntnis, dass ich nicht gerade der geborene Reisende war, schien mir ein Buch ein weitaus lohnenderes Projekt zu sein, um meine Erbschaft durchzubringen, als ein erneuter Versuch auf Reisen zu gehen. Außerdem war ich überzeugt, dass die Figur des Missionarrs, der in meinen Augen eine Mischung aus Till Eulenspiegel, Don Quichotte und Karl Valentin verkörperte, in den heutigen, von Seifenopern und Schaukomödien verflachten Zeiten, in denen ein humorvoller Menschen sich das Zwerchfell über die Ohren ziehen möchte, erfreulich und belebend wirken könnte.
Ich gab Morgenstern eine Kopie des Notizbuches, und wir kamen überein, dass er sich in den nächsten Tagen melden würde. Doch bereits wenige Stunden später rief er an. Er war in euphorischer Stimmung, ich glaube, er hatte etwas getrunken, was bei ihm äußerst selten vorkam. Das Notizbuch sei eine wahre Fundgrube, sagte er, der Luftlochschläger käme ihm vor wie ein geistiger Blutsbruder, als teilten sie das gleiche Schicksal. Er hätte bereits einen Titel, ‚Der Tag X' solle das Buch heißen, auch hätte er schon eine ziemlich genaue Vorstellung von Inhalt und Form, er beabsichtige, eine Sammlung von zwölf kurzen Geschichten zu schreiben.
Gesagt, getan. Das Jahr verging wie im Flug, und pünktlich zu jedem Monatsende fand ich eine Erzählung im Postkasten, die mich vollauf zufrieden stellte. Nicht nur erweckte Morgenstern die Figur des Missionarren zum Leben, sondern brachte auch Licht ins Dunkel des merkwürdigen Verschwindens, mit dem die Existenz des Luftlochschlägers ihr abruptes Ende fand und die Wandlung vom Luftlochschläger zum Missionarr begann, natürlich auf poetische Weise, so wie er sich auch nicht des Versuchs schuldig machte, das Unerklärliche zu erklären.
Bleibt noch, bevor ich die Seiten der kompetenteren Feder meines Freundes Morgenstern überlasse, zu erwähnen, dass ich zwischen jede Geschichte einen jener Wetterberichte und eines jener Zwiegespräche aus dem Notizbuch des Missionarrs gesetzt habe, um ein gesondertes Licht auf seinen Humor zu werfen, auf dessen Palette auch hin und wieder die grelle Farbe eines Kalauers zu finden ist. Des weiteren habe ich mir erlaubt, das Foto einer Blüte hinzuzufügen, denn schon in der Stadt der Tausend Kuppeln, als ich das Notizbuch studierte, hatte ich mir, aus welchem Grund auch immer, den Missionarr als Blumenliebhaber vorgestellt, der während seiner Zwiegespräche mit den Luftlöchern eine Blume, nein, eine Blüte, nichts als eine auf weißem Papier liegende Blüte, im Blick hätte, eine Blüte, die ihn davor bewahrte, zu sehr in den Sog des Nachdenkens zu geraten. Ihr Anblick, so stellte ich mir vor, ermöglichte es ihm, die Antworten der Luftlöcher zum einen Ohr hinein- und zum anderen wieder herauszulassen, und so habe ich den Untertitel seines Notizbuches etwas umformuliert: Als ich mit einer Frage durch die Welt kam, ein Auskommen hatte, es mir an Nichts mangelte und ich den Tag mit einer Blüte zierte.

